Angelfischereiverein Schnaudertal e. V.
von Karl Heinz Bergner
Zipsendorfer Angelgeschichten
In unserer Kindheit gab es ja noch kein Handy, keine Computer und ähnliche Dinge, auch das Fernsehen hatte in vielen Familien noch Seltenheitswert.
Wir verbrachten unsere Freizeit draußen in der Natur; ein Umstand welcher der heutigen Jugend sicherlich auch gut tun würde.
Nach der großen Fußballmanie, ausgelöst auch durch den DEFA-Film „Der neue Fimmel“, fing es so 1962 an, dass das Angeln langsam ins Interesse rückte. Natürlich hatten wir vorher schon mal probiert, ganz dilettantisch, einen Fisch zu fangen, mit Wäscheleine und umgebogenem Nagel. Natürlich war das ausgesprochen doof, aber es fanden sich damals
durchaus noch Doofere, die uns deswegen sogar anzeigen wollten.
Die ersten meiner Schulkameraden waren schon im Angelverein und prahlten mit den Fängen die sie angeblich schon gemacht hatten, da war es fast schon eine Sache der Jungensehre, dass ich einen Aufnahmeantrag beim Zipsendorfer Angelverein stellte.
Ort der Aktion war damals die Wohnstube des Vereinskassierers Walter Günter, ein sehr netter und von den Anglern hochgeachteter alter Herr.
Nun war es damals beileibe nicht so, dass man gleich einen Angelausweis erhielt und losziehen konnte; nein, erst galt es fast ein halbes Jahr lang die wöchentlichen Jugend- und Trainingsstunden zu besuchen, welche damals vom Jugendleiter Arno Brückner durchgeführt wurden. Dort lernten wir erst einmal das richtige Werfen, sowie die Handhabung des Angelgerätes. Eine Sache, die zwar Spaß machte, aber wir wollten ja eigentlich gleich angeln und große Fische fangen. Im Nachhinein hat es aber nichts geschadet und in der heutigen Zeit wäre für viele unserer Jungangler eine solche Schule sicherlich auch nicht verkehrt.
Über die Teilnahme wurde auch genauestens Buch geführt und wenn man seine Stunden voll hatte, war es soweit, man erhielt das begehrte Mitgliedsbuch und konnte endlich angeln.
Mein erstes Gerät, eine einteilige Bambusrute, sowie eine einfache Grundrolle „Rileh Nr. 1“ hatte ich mir mit Altstoffsammeln zusammengespart und es konnte losgehen.
Angeln durften wir Jungens damals aber nur im alten Ziegeleiloch in Brossen und in der Schnauder, weil die „Alten“ keine Bachangler waren. An ein anderes der Vereinsgewässer durften wir nicht ran; es hat aber trotzdem Spaß gemacht, wenngleich wir immer nur kleine Schleien, Ukeleis und Karauschen fingen. Da war es dann schon Dorfgespräch das Karli eine Rotfeder von 21 cm Länge gefangen hatte. Das war für uns Jungen schon ein halber Hai; wie sich doch die Zeiten ändern.
Mein erster besserer Fisch, jedenfalls für damals, war ein Barsch von 21 cm Länge, den ich in der Schnauder fing. Ich erinnere mich noch genau; es war der 12.September 1964. Wir waren nach der Schule an die Schnauder gegangen und von einer der Kopfweiden herunter ließ ich meine Angel treiben, als der Barsch biss. Am nächsten Morgen waren wir wieder am Bach und ich legte meinen Köder, einen Rotwurm, in einem kleinen Kolk in Ufernähe aus und dann stromerten wir Jungs erst einmal ein wenig im Gestrüpp herum. Als ich später nach meiner Angel schaute war der Schwimmer nur noch mit der Spitze zu sehen. Das war eine Aufregung als er dann ganz untertauchte und ich den Anhieb setzte. Meine Haare haben sicher gestanden wie die Stacheln eines Igels. Ohne großen Drill zog ich den Fisch ans Ufer, dabei rutsche er, zum Glück noch am Haken, noch mal zurück, aber ich konnte ihn doch noch glücklich landen. An einen Kescher war damals für uns Jungens noch nicht zu denken, denn soviel brachte die Altstoffsammlung auch nicht ein; schließlich sammelte ja jeder von uns.
Aber ich brachte den Fisch, eine Schleie von 30 cm Länge, glücklich auf die Uferwiese.
Das war natürlich damals für einen Jungen von zwölf Jahren schon ein kapitaler Fisch, den ich stolz im Netzbeutel, damit ihn ja auch jeder sehen konnte, nach Hause trug.
Im gleichen Jahr gab es dann eine neue Regelung in unserem Verein, die den Junganglern auch die Angelei in den anderen Vereinsgewässern gestattete; allerdings mit der Auflage, dass immer ein Erwachsener gefragt werden musste, ob man dort mit angeln durfte. Das klappte aber in der Regel, schließlich haben wir Jungs uns ja auch weidgerecht verhalten, da gab es keine Probleme. 1965 führte dann der Deutsche Anglerverband die sogenannte 5-Mark-Marke ein, deren Erwerb es jedem Angler, auch den Kindern und Jugendlichen, gestattete, in allen Gewässern des DAV zu angeln, was wir dann auch leidlich taten.
In diesen Jahren waren auch die vielen Gruppenangeln stets gut besucht und man musste sich schon anstrengen, um einen der vorderen Plätze im Wettkampf zu erlangen.
Ich entsinne mich noch an das letzte Gruppenangeln Ende der 60er Jahre in der Schnauder, oberhalb von Brossen. Damals war das Gewässer noch nicht begradigt und eine sehr gute Angelstrecke. Dabei hatte einer der Angler einen unwahrscheinlich großen Gründling gefangen, wenn es denn einer war, denn nach heutigen Erkenntnisstand war es vielleicht sogar eine Quappe, von deren Existenz in der Schnauder niemand wusste, da ja die wenigsten Mitglieder in dem Bach angelten. Das war dann auch ziemlich das letzte Gruppenangeln in dem Gewässer, denn ein Jahr später kamen die großen Viehanlagen der Landwirtschaft mit ihren Güllemengen und da war es dann sehr schnell vorbei mit der schönen Schnauder, in der dann sinnbildlich auch die Wasserratten Gasmasken trugen. Zum Glück hatten wir aber noch ein paar andere Vereinsgewässer.
Da war zum Beispiel die Schädegrube; was für ein tolles Gewässer. Da konnte man wirklich sagen: Mach die Bratpfanne schon mal heiß, in einer Stunde bin ich wieder da.
Die Fische waren allesamt dick und fett und drei dreißiger Schleien hintereinander waren durchaus keine Seltenheit; Aale armdick und die Karpfen erst.
Hier hatte ich auch meinen ersten wirklichen Großkarpfen an meiner Bambusrute, den ich zwar bis kurz vor das Ufer drillen, aber ihn nicht landen konnte; da fehlte dann schon ein Unterfangkescher. Den habe ich mir dann aus einem alten Federballschläger und einen Netzbeutel selber gebaut.
Leider wurde auch dieses herrliche Gewässer im Herbst 1968 durch Industrieabwässer vernichtet und später dann mit den Formsanden der Gießerei zugeschüttet. So verschwand dann auch das Ziegeleirestloch in Brossen. Leider war das damals so.
Aber wir hatten ja noch den Grasteich, das Paradies und den Tagebau Spora.
In Spora hatten wir im Oktober 1970 auch ein Fischsterben durch landwirtschaftliche Abwässer. Da haben wir zwei Wochen lang abgefischt, sodass sich die Verluste beschränkten. Was haben wir da für kapitale Fische umgesetzt.
Dort habe ich auch, drei Tage vor meiner Armeezeit, noch eine anglerische Sternstunde erlebt. Damals waren die Hänge noch nicht begradigt worden und unten im Tagebau war alles voller Wald. Ein kleiner Bach floss da hindurch und kurz vor dem See hatte sich ein herrlicher Teich gebildet; gar nicht mal so klein. Dahinein hatten sich etliche Hechte und große Barsche zurückgezogen und ich erlebte dort einen Tag lang ein wundervolles Spinnangeln.
Leider wurde der Tagebau Spora 1976 zum Produktionsgewässer erklärt und damit war es für uns mit dem Angeln vorbei.
Viele verschiedene Persönlichkeiten prägten unseren Verein, von denen wohl heute die meisten nicht mehr bekannt sind, außer vielleicht einigen älteren Anglern.
Da wäre zum Beispiel Herrmann Knaack zu nennen, der uns so manchen Abend mit Anekdoten aus seinem abenteuerlichen Leben unterhielt, so auch aus seiner Zeit als Schiffsjunge der kaiserlichen Marine und seine Internierung in China am Ende des ersten Weltkrieges.
Oder auch Alfred Schmidt; ein Angler, der gemeinsam mit seinem Schäferhund angeln ging, da er sehr schwerhörig war. Er fuhr immer mit dem Fahrrad zum Angeln und stellte es dann irgendwo ab, um zum Angelplatz zu gehen, bis es eines Tages verschwunden war; und das kam so:
Ich machte einen Rundgang am Gewässer „Paradies“, als ich dort ein herrenloses Fahrrad stehen sah. Nirgends ein Angler zu sehen, sodass ich das Fahrrad mitnahm und es beim ABV, also dem Dorfpolizisten, in Staschwitz ablieferte; es konnte ja gestohlen sein.
Ein paar Wochen später fuhren wir zum Gruppenangeln nach Leipzig an den
Elster-Saale-Kanal. Im Bus ging ich ein wenig herum, um mich mit den Mitgliedern zu unterhalte. Dabei erzählte ich einem von ihnen, dass ich am Paradies ein Fahrrad gefunden hätte.
So kam ich dann auch zu Alfred Schmidt und fragt nach seinem Befinden. Geht ganz gut so, war die Antwort, aber neulich hat man mir am Paradies mein Fahrrad gestohlen, das ich dort an einen Baum gelehnt hatte. Nun habe ich mir ein neues gekauft. Da ging natürlich im Bus ein großes Gelächter los und Alfred wurde erst einmal aufgeklärt. Man muss dazu noch sagen, dass Alfred sich immer im Schilf ganz klein machte, wie ein Schwarzangler; und da er ja nichts hörte, konnte man auch rufen bis man heiser war. Natürlich haben wir dann gleich Montag das Fahrrad zu ihm zurück gebracht, aber mit zwei Fahrrädern konnte er auch nicht viel mehr anfangen.
Alfred Schmidt war übrigens ein begnadeter Angler, der auch dann noch einen Fisch fing, wenn andere bereits aufgegeben hatten. So fing er einmal fünf Hechte hintereinander in der Schnauder, da, wo eigentlich kein Angler einen Hecht vermutet hatte. Die meisten Fische setzte er aber wieder zurück, denn er war verwitwet und was sollte er mit großen Fischen anfangen.
Mir gestand er einmal: Karl Heinz, du weißt das ich viele große Fische fange, aber ich nehme viel lieber eine untermassige Schleie oder Hecht usw. mit; die schmecken viel besser und reichen auch für mich. Das sage ich dir auch wenn du der Vorsitzende bist. Na, ich hab’s unserem Alfred verziehen und jetzt, wo er schon lange in Anglers ewigen Jagdgründen weilt, kann man es ja erzählen.
Sein Hund war übrigens auch noch so eine Type. Der konnte die Grubenbahn nicht leiden und wenn der Kohlezug in den Bunker der Brikettfabrik Zipsendorf einfuhr, jagte er immer hinterher und wollte ihn beißen. Er hat ihn aber nie gekriegt, nur der Bunkerkipper saß dann in seinem Rangiererhäuschen fest und keine zehn Pferde brachten ihn da raus. Da der Lokführer aber wegen dem Hund auch nicht ausstieg, kam es immer zu Verzögerungen beim Abkippen, da ja Alfred erst den Hund wegzerren musste. Dabei musste er sich unheimlich anstrengen, denn das Vieh wollte seine vermeintliche Beute auch nicht hergeben.
Das war dann immer eine Schau für sich, der zitternde Bunkerkipper und unser kleiner Alfred, der ja nicht viel größer war als sein Hund; und da hatte er schön zu tun; helfen konnte ihn dabei aber keiner.
Aber auch unter uns Jungen gab es schon markante Figuren, so wie beispielsweise Ochim aus Schnauderhainichen oder Karli, den wir Froschauge nannten. Die zwei liefen immer rum wie die Strauchdiebe, aber die konnten angeln, Teufel noch mal!
Überhaupt gab es ja zu meiner Zeit viel mehr Kinder und Jugendliche als heute. Wir hatten zeitweise im Verein eine Jugendgruppe von 35 Mitgliedern; und das war nicht nur in unserem Verein so. Da war dann natürlich zu den Kreismeisterschaften eine echte Wettkampfstimmung und man musste sich verdammt anstrengen um zu Siegerehren zu kommen. Mir wurde ja 1969 das Amt des Jugendleiters übertragen und es machte richtigen Spaß, zu sehen wie sich die Jungangler begeisterten.
Wir hatten ja als Betriebsgruppe des Braunkohlenwerkes einige Mittel und Möglichkeiten mehr als andere Gruppen und so waren bei den Kreismeisterschaften die anderen Vereine immer froh, wenn wir anreisten, denn wir hatten auch einiges an Gerät mit. Natürlich war dann die Freude nicht mehr ganz so groß, denn meine Jungs räumten dann natürlich, besonders beim Casting, der sich damals noch Turniersport nannte, tüchtig ab.
Aber sportliche Fairness gehörte damals zum guten Ton, da gab es nichts zu rütteln.
Unser Jugenddomizil hatten wir zu der Zeit im Ernst-Grube-Stadion,
der heutigen Blue Chip-Arena.
Hier war wöchentlich Turniersporttraining, aber mit vorgeschalteter Körperertüchtigung, wobei ich die Jungs ganz schön gescheucht habe. Aber es hat nicht geschadet und übel hat es mir auch keiner genommen. Manche der damaligen Jugendmitglieder sind heute noch im Verein und teilweise auch die Kinder und schon die Enkel. So schnell vergeht die Zeit.
Etliche Jahre lang fuhren wir einmal im Jahr zum Gruppenangeln nach Dölzig bei Leipzig an den Elster-Saale-Kanal. Den Bus vom Braunkohlenwerk bekamen wir, samt Fahrer, der natürlich auch ein Angler unseres Vereins war, für 65 Mark.
Da gab es nicht nur anglerische Erfolge, sondern meistens auch immer etwas zu lachen.
Wer den Kanal bei Dölzig nicht kennt; der verläuft dort hoch auf einem Damm und man muss schon einen ganz schönen Hang hochsteigen. Eines Tages hatte es unser damaliger Schatzmeister, Volker G., sehr eilig, um den besten Platz zu erhaschen und rannte regelrecht den Hang hinauf. Er vergaß nur in der Eile, dass die Seite des Dammes zum Wasser hin etwas kürzer war und am Plätschern und Fluchen hörten wir, dass er den Bremsweg wohl falsch berechnet hatte. Unter allgemeinem Gelächter wurde er dann aus dem Wasser gezogen.
Aber gefangen haben wir dort immer ganz gut. Dort habe ich auch den größten Barsch in meinem Anglerleben gesehen, sage und schreibe 72 cm lang. Den hatte damals Alois Mittelbach gefangen, auch einer von den erfahrenen alten Hasen.
Schöne Hechte fingen wir auch und dazu fallen mir doch gleich noch ein paar Geschichten ein. Ich hatte einen ganz passablen Hecht gefangen und mein alter Klassenkamerad Helmut E., der etwas neben mir saß, kam heran und jammerte, dass er noch nie einen Hecht gefangen hatte; und wie ich das wohl machte. Er hörte sich das eine Weile an, wie das so ist mit Köderfisch und der Zigarettenlänge warten bis zum Anhieb und so; dann zog er wieder ab.
Nach einer halben Stunde kam er dann wieder und erklärte mir, dass sein Hechtschwimmer schon eine ganze Weile unter Wasser gezogen war und ob er jetzt wohl anschlagen sollte.
Ich sagte ihm, dass er etwas Schnurfühlung nehmen sollte und dann einen kräftigen Anhieb setzten muss.
Leider hatte ich nicht bemerkt, dass er bei der Anfahrt etwas zu tief ins Glas geschaut hatte und so drosch er an, als wolle er hinter ihm den Hang spalten. Natürlich flog dabei die Rute in tausend Teile, oder vielleicht waren es auch nur neunhundert, auseinander und ein Hecht war
auch nicht dran, sondern der Köderfisch hing nur im Kraut. Es war auch noch eine, damals noch sehr seltene Teleskoprute; und geborgt war sie auch noch. Das Gejammer ging dann auch noch stundenlang.
Im Sommer 1976 hatten wir auch ein paar aktive Mitgliede4r unserer Jugendgruppe an den Kanal mitgenommen. Einer von ihnen, Andreas K., hatte dabei einen schönen Hecht gefangen und wollte ihn natürlich lebend hältern, denn bei den sommerlichen Temperaturen hätten wir den sicherlich nach ein paar Stunden verspeisen können, da wäre er in der Sonne weichgekocht. Er hielt nun den Hecht in der Hand, der sich auch ganz ruhig verhielt, das Maul mit dem Haken drin, weit geöffnet.
Alles stand nun rundum und rätselte, wie man denn den Haken aus dem Hechtmaul bekommt, denn Lösezangen, wie es sie heute in tausend Varianten gibt, hatte damals niemand.
Unser damaliger Vereinsvorsitzender Erhard D., Gott hab ihn selig, kam dazu, glaubte wohl der Hecht sei tot und steckte ihm, mit der Bemerkung: „Ich will Euch mal zeigen wie man so etwas macht!“, beide Hände ins Maul, um den Haken zu lösen. Natürlich klappte der Hecht das Maul zu und instinktiv zog Erhard die Hände heraus; zu spät und an den sich schön rot von der hellen Haut abzeichnenden Bissspuren konnte man die Anzahl der Hechtzähne abzählen. Das war natürlich ein Riesengelächter und wir brauchten eine ganze Weile, ehe wir dem armen Kerl helfen konnten.
Im Tagebau Spora betrieb die Binnenfischerei Weißenfels eine Forellenzucht mit Netzgehegen. Da kam dann im Herbst immer der Fischer zu uns und fragte, ob wir beim Abfischen helfen würden; zwar nicht gegen Lohn, aber dafür durften wir uns jeder einen Eimer Forellen mitnehmen.
Da habe ich dann manchmal bis zur Brust im Schubprahm in Forellen gestanden.
Einmal wollte uns der Fischer etwas später noch mit einem schönen Hecht überraschen, da ich aber an dem Tag keine Zeit hatte, gab er meinen Fisch einem Kollegen mit, bei dem ich ihn abends abholen sollte. An dem Abend war aber herrliches Angelwetter, sodass ich beschloss, erst einmal eine Stunde zum Spinnangeln an den Grasteich zu gehen. Ich habe aber nichts gefangen und so fuhr ich, mir umgehängter Angelausrüstung, meinen Hecht abholen.
Der Kollege lachte sich erst einmal halbtot, als er mich mit meiner Angel sah.
Mit dem schönen Hecht und meiner Spinnrute bin ich dann natürlich schön gemächlich, damit mich auch jeder sehen konnte, durchs Dorf gelaufen und habe Jedem, der fragte, erzählt, was für einen tollen Drill der Hecht an der Angel geliefert hatte. Die anderen Angler erblassten da fast vor Neid. Leider kam die Sache ein paar Tage später raus und ich habe es dann eine Weile vorgezogen mich nicht in Anglerkreisen sehen zu lassen.
Nach der gesellschaftlichen Wende kam es dann am 19.12.1990 zum Zusammenschluss mit dem Wintersdorfer Angelverein und ich wurde einstimmig weiter mit der Funktion des Präsidenten betraut; es fand sich, wie so allgemein, sowieso kein Anderer dafür; aber wir hatten ein gutes Vorstandsteam; und da machte es schon Spaß.
Es gab damals auch schon genug zu tun. Vor allem galt es die Gewässer für den Verein zu sichern und das ist uns auch, zwar mit sehr viel Arbeit und Zeitaufwand, gut gelungen.
Heute besitzen wir drei Eigentums-, sowie vier Pachtgewässer; und das kann sich schon sehen lassen.
Aber auch das Angeln kommt weiterhin nicht zu kurz. Es stehen uns ja heute auch mehr Möglichkeiten zur Verfügung.
So fahren wir seit einigen Jahren zum Angeln auf die Ostsee, oder auch nach Norwegen, was vorher undenkbar war.
Da fällt mir doch eine Story ein, die wir auf der Ostsee erlebten:
Wir waren mit der Wismar hinaus gefahren, um Dorsche zu angeln. Auf dem Schiff herrschte reger Betrieb, besonders natürlich an den besten Plätzen an Bug und Heck.
Da mir das zuviel Trubel war angelte ich lieber backbords, da hatte ich viel Platz für mich.
Plötzlich erhielt ich in der Andrift direkt unter dem Schiff einen mörderischen Biss. Der Fisch zog die Rute nach unten, sodass ich Mühe hatte die Rute zu halten. Der Fisch meines Lebens. Eine ganze Weile ging es immer hin und her. Der Fisch blieb stur unter dem Schiff. Vergebens rief ich nach dem Gaff; kein Mensch kam. Als ich deswegen zum Bug hin blickte, sah ich, dass sich die ganze Meute vor Lachen krümmte. Warum? Ganz einfach; weil auf der Steuerbordseite Holger P. ebenfalls den Fisch des Lebens gehakt hatte. Nur unsere beider Rekordfische waren nichts weiter als die ineinander verhakten Pilker. Da hätten wir fast das Schiff zersägt. Ich glaube, wir hatten da mindestens zwölf Vorhänge. Jeder Schauspieler hätte uns dafür beneidet. Ja, so ist halt das Leben.
Einmal hatte Bodo H. seinen Schwager mitgebracht. Der war das erste mal auf See und wie das so ist, hatte ihn die Seekrankheit voll im Griff. Da lag er nun, fast schon tot im Zwischendeck vor der Panzertür (die Wismar war ein altes Marineschiff) und gedachte sich seiner. Christian, Bodos Sohn erwischte die Seekrankheit ebenfalls. Als ihm das Frühstück zu sehr den Weg rückwärts drängte, stürzte er die Stiege aus der Kombüse nach oben und wollte schnell an Deck, wo die schöne Reling bereit stand. Er bekam aber die Tür nicht schnell genug auf und so ergoss sich sein vorverdautes Frühstück direkt über seinen schon arg gebeutelten Onkel, der neben der Tür halb im Sterben lag. Da war das Glück vollkommen.
Ich kann nicht sagen, dass wir nicht vor Lachen gewiehert haben.
Ich glaube, den Kollegen bringt wohl niemand so schnell wieder auf einen Fischkutter.
Ja, das Anglerleben bringt schon so manche Abenteuer und Widrigkeiten mit sich.
Da steckt einem der Haken im Finger, oder schlimmer, selbst in der eigenen Unterlippe;
man rutscht ins Wasser, tritt auf die eigene Rutenspitze, vergisst den Köder zu Hause und was es sonst noch so alles gibt.
Einmal waren wir zu einem Wochenendangeln in der Fischzucht Untermaßfeld, unserem Satzfischlieferanten.
Dort war im Angelteich Forellenangeln angesagt. Da passierte es, dass eine Forelle beim Abhaken noch mal kräftig zappelte und da fuhr doch der Drilling des Blinkers volle Kanne in den Daumen von Schwester Marianne. Da er sehr tief saß, blieb uns nichts weiter übrig, als nach Meiningen ins Klinikum zu fahren. Dort saßen wir dann draußen und Marianne drinnen; wir schwitzen Blut und Wasser; plötzlich hörten wir durch die Tür Marianne drinnen mit ihren Fängen prahlen, nachdem ihr dar Haken rausoperiert worden war. So sind halt die Anglerinnen; erst halb sterben wollen und dann prahlen.
Zwei Wochen später waren wir mit der Jugendgruppe dort und einem der Jungen passierte das gleiche Missgeschick. Als wir mit ihm im Klinikum ankamen empfingen uns die Sanitäter mit großem Gelächter: Ihr wart doch erst hier. Sie hatten uns an unseren Vereins-T-Shirts erkannt. Naja, was macht doch ein Wiedersehen für Freude.
Überhaupt waren die vielen gemeinschaftlichen Veranstaltungen immer sehr schön; sei es beim Angeln oder auch bei dem Jugendbiwak, das wir einige Jahre gemeinsam mit dem Judoverein am Waldsee veranstalteten.
Das gefiel uns schon, als wir selber noch Kinder waren und heute ist es sicherlich auch nicht anders.
Fast so alt wie unser Verein ist auch unser jährliches Anglerfest, welches wir seit Mitte der 50er Jahre durchführen. Früher war das immer am Grasteich, aber den haben wir ja leider nicht mehr, dann am Waldsee, was seit der verheerenden Rutschung auch nicht mehr möglich ist; und jetzt am Haselbacher See. Dieses Fest ist auch heute noch bei den Mitgliedern beliebt und man hat da schon so manches zum Lachen gehabt.
Es ist vielleicht schon fast vierzig Jahre her; wir führten das Anglerfest noch am Grasteich durch und es ging, wie immer hoch her. Da passierte es schon mal, dass einer etwas zuviel getrunken hatte. So ging es an diesem Tag einem Angelfreund; ich weiß leider nicht mehr seinen Namen; nur hatte dieser Dienstbereitschaft in seinem Betrieb. Am nächsten Morgen geschah es dann auch, dass das Betriebsauto erschien und ihn abholen wollte, da eine Maschine defekt war, die er reparieren sollte. Trotz langen Suchens fanden wir den Kollegen aber nicht, bis wir auf die Idee kamen unter die große Folienplane zu schauen, die da auf der Wiese in der prallen Sonne lag. Da lag doch der Kerl tatsächlich drunter und schlief seinen Rausch aus. Durch die Hitze unter der Plane war er schon ziemlich weich gekocht, sodass man ihn fast in Scheiben schneiden konnte. Er war natürlich zu nichts mehr zu gebrauchen, sodass seine Betriebskollegen wieder abzogen.
Ich habe mir aber sagen lassen, dass es so etwas nicht nur beim Angeln gibt.
Es waren schon immer schöne Erlebnisse, an die man sich gern erinnert.
Besonderen Anklang fand immer unsere Tombola, die wir zu Anglerfest veranstalteten.
Bei dieser Gelegenheit bin ich auch zu meinem ersten Kanarienvogel gekommen.
Das kam so:
Meine Frau wollte, im Gegensatz zu mir immer schon einen solchen Vogel haben.
Da haben sich die Burschen doch etwas einfallen lassen und mich zum Anglerfest ganz schön reingelegt. Michael K., mein damaliger 2.Vorstand, hatte Kanarien und brachte zum Anglerfest einen Kanarienvogel mitsamt Vogelbauer mit und verkündete dass er den zur Tombola sponsern wolle. Und um mich etwas zu entlasten würden er und Maik F. gern diesmal die Verlosung machen, damit ich auch mal in Ruhe ein Bier trinken könnte. Ich seltener Depp habe nicht einmal gemerkt, was die Kerle vorhatten. Als nun die Verlosung des Vogels an die Reihe kam hatte ich durch puren Zufall die richtige Nummer. Mir war das richtig peinlich. Rundherum lachte alles, denn die wussten was los war; ich war der einzige Dumme. Das Los war gezinkt und den Vogelbauer hatte ich auch noch selber bezahlt. Hatten sie doch das ganze Zeug bei uns im Haus deponiert und es dann heimlich durch Omas Fenster rausgegeben, während im Hof ein paar Leute mich mit Fragen zum Anglerfest ablenkten. Diese Gauner!
Den Vogel, zu dem sich später noch weitere gesellten, hatten wir, bei der guten Pflege durch meine Frau, ziemlich lange und auch eine Reihe seiner Nachkommen.
Angeln ist eben mehr als nur Fische aus dem Wasser ziehen!
So erlebte man im Laufe der Jahrzehnte so manche Episode und immer wieder war es ein Erlebnis mit Gleichgesinnten am Wasser zu sein.
Unser Angelverein hat sich in den über 75 Jahren seines Bestehens stetig weiter entwickelt und es ist beruhigend, zu wissen, dass mit den vielen, auch jungen Mitgliedern, welche sich mit ihrem Willen und Wissen in den Dienst der Sache stellen, auch die Zukunft des Angelfischereivereins Schnaudertal gesichert ist.
Wünschen wir uns gemeinsam dafür ein herzliches Petri Heil!
Das ist des Anglers Ehrenschild,
das er beschützt und hegt sein Schuppenwild;
weidmännisch fischt, wie sich´s gehört;
den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.




